Schneelast auf Dächern

Aufgrund der aktuellen Ereignisse ist eine große Unsicherheit entstanden und es häufen sich die Fragen „hält mein Dach der Schneebelastung stand?". Ein kurzer Exkurs über die Grundlagen der Berücksichtigung von Schneelasten in der Tragwerksplanung scheint mir daher angebracht.

Die Schneelast als Teil der auf ein Tragwerk wirkenden Lasten wird nach DIN 1055 Teil 5 ermittelt und bei der Statischen Berechnung berücksichtigt. Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem Grundwert, der sogenannten „Regelschneelast“, die in Abhängigkeit von der Schneelastzone und der Geländehöhe des Standortes festzulegen ist, und dem Rechenwert der Schneelast, die unter Berücksichtigung weiterer Faktoren wie z.B. der Dachneigung ermittelt wird. Im Stadtgebiet von Augsburg beträgt z.B. die Regelschneelast 0,90 kN/m², das entspricht 90 kg/m². Dies ist üblicherweise auch die Schneelast, die bei der Planung von Flachdächern oder schwach geneigten Dächern berücksichtigt wird. Bei steileren Dächern über 30° Dachneigung ist eine Abminderung der Schneelast möglich.

Soviel zum theoretischen Teil. Schwieriger wird es, wenn die übliche Frage aus der Praxis auftaucht: „auf meinem Dach liegen 50cm Schnee. Hält mein Dach dieser Last stand, oder muss ich den Schnee abräumen“? Vom Statiker sind dann zunächst zwei Fragen zu klären, um eine Aussage treffen zu können:

1) Was für ein Gewicht haben „50cm Schnee“?

Um zu verstehen, dass keiner diese Frage am Telefon beantworten kann, muss man sich vor Augen halten, wie unterschiedlich das Gewicht von Schnee ist. So kann lockerer Neuschnee nur 10-50 kg/m³ wiegen, dessen Gewicht sich aber nach ersten Setzungen auf 100-300 kg/m³ erhöht und der als nasser Altschnee bis zu 600 kg/m³ wiegen kann. Kommt dann noch Regen dazu, der vom Schnee wie ein Schwamm aufgesogen wird und vielleicht in einer kalten Nacht zu Eis gefriert, sind Gewichte bis zu 900 kg/m³ möglich. Man sieht also, dass die tatsächliche Schneelast nicht allein auf der Grundlage der Schneehöhe, sondern nur durch eine Messung vor Ort halbwegs genau bestimmt werden kann. Möglicherweise sind auch an manchen Stellen des Daches z.B. durch Rutschungen oder Windverwehung Schneeansammlungen entstanden, die zu unterschiedlichen Belastungen führen.

2) Was für eine Schneelast kann das Dach tatsächlich tragen?

Wie oben dargelegt, muss ein Dach heutzutage für eine bestimmte Schneelast geplant werden, die auch von jedem Statiker nachträglich bestimmt werden kann. Aber entspricht das Dach der ursprünglichen Planung? Sind die damals getroffenen Lastannahmen richtig, oder wurden vielleicht inzwischen weitere Lasten aufgebracht, z.B. im Zuge von Dachausbau oder Erneuerung der Dachdeckung? Wurde das statische System der Dachkonstruktion bei Umbauten verändert? Wie ist der Zustand der Dachkonstruktion? Die oben genannten Schneelastannahmen gelten seit der Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Davor galt z.B. im Stadtgebiet von Augsburg mit 75 kg/m² eine geringere Schneelast. Viele Dächer wurden und werden auch ohne jede statische Berechnung zimmermannsmäßig aufgrund von jahrhundertealten Erfahrungswerten errichtet. Damit ist klar, dass eine Aussage zur Tragfähigkeit von Dächern nur möglich ist, wenn umfassende Kenntnisse zur Dachkonstruktion vorhanden sind und eine Statische Berechnung vorliegt. Falls dies bei Altbauten nicht der Fall ist, muss diese gegebenenfalls auf der Grundlage einer Bestandsaufnahme erstellt werden, um eine Aussage über die Tragfähigkeit treffen zu können.

Erst wenn diese beiden Fragen geklärt sind, ist eine qualifizierte Aussage über die Standsicherheit oder über mögliche Gefährdungen durch die auf dem Dach liegenden Schneelasten möglich. Und es wird auch klar, warum Tragwerksplaner Probleme bekommen können, wenn diese Aussage sofort und auf der Stelle von ihnen verlangt wird.

Uwe Türk - 06.03.2006